Streitgespräch PRO und CONTRA des Sexkaufverbotes

Debatte zweier Dinosaurier des Themas bei HIV-KONTROVERS in Köln

Johanna Weber -- 21.03.2026   Themen: Politik ProstSchG Veranstaltung

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Bei der Fachtagung HIV-Kontrovers geht es immer darum, dass ein Themengebiet von zwei unterschiedlichen Seiten beleuchtet wird und es zu Diskussionen auch mit dem Publikum kommt.

Kontroverse 4:
„Sexkaufverbot: Ein klares Signal gegen Menschenhandel oder der schnellste Weg in die Illegalität“

Referentinnen:

  • Simone Kleinert | Bundesverband Nordisches Modell - zur Umsetzung des Gleichstellungsmodells in Deutschland e.V.
  • Johanna Weber | Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.

Die Dinosaurier des Themenbereichs treten gegeneinander an.
Simone Kleinert und ich haben uns nicht gegenseitig fertiggemacht, sondern thematisch gearbeitet. Wir kennen uns schon länger, und wir akzeptieren uns als Menschen. Einig sind wir uns darin, dass es Missstände in der Prostitution/Sexarbeit gibt. Jedoch schätzen wir die Ausmaße unterschiedlich ein, und unsere Lösungsmodelle sind leider komplett gegensätzlich, was uns ja auch bei dieser Veranstaltung auf die Bühne gebracht hat.

Vor dem Publikum mit dem Aidshilfe-Hintergrund war das natürlich für mich ein leichtes Spiel, denn alle hatten Fragen an Simone Kleinert. Einige waren richtig aufgewühlt oder sogar erbost. Simone Kleinert tat mir fast ein wenig leid.

Grundsätzlich finde ich es immer besser, miteinander zu reden und so zumindest Punkte zu finden, an denen man sich einig ist und für diese Lösungen zu finden.

Jede von uns hatte 10 Minunten Zeit für einen Input.

Ich habe meine Rede hier etwas ausführlicher aufgeschrieben und ergänzt:

„Ich habe meine Rede hier etwas ausführlicher aufgeschrieben und ergänzt:

„Ich verzichte bewusst auf eine PowerPoint-Präsentation, denn über die letzten zwölf Jahre, die ich das hier schon mache, habe ich festgestellt, dass diese total emotional überlagerte Diskussionen selten mit Zahlen und Fakten zu gewinnen sind, sondern fast ausschließlich auf Emotionen beruhen.

Mein Name ist Johanna Weber, und ich habe vor über 35 Jahren angefangen, in der Sexarbeit tätig zu sein. Ich habe in fast allen Bereichen schon gearbeitet: in kleinen und großen Bordellen, in Terminwohnungen, Escort, Dominastudios und im Barbetrieb. Auch im Laufhaus habe ich gearbeitet, auf der Etage mit lauter bulgarischen Kolleginnen.
Und dennoch wird mir oft die Kompetenz abgesprochen, mich für Sexarbeitende einsetzen zu dürfen. Mir als privilegierte, weißem Deutsche sei ja das Leid und der Schutz der vielen anderen anscheinend egal.
Mir ist das nicht egal.

Ich möchte, dass alle Menschen Schutz erhalten, die Schutz benötigen.

Aber nicht alle Sexarbeitenden brauchen Schutz."

Ich möchte ein paar klassische Kernthemen hier aufgreifen.

Thema Zuhälter.
Da gibt es grob betrachtet zwei verschiedene Arten von Zuhältern.
Erste Sorte ist das klassische Zuhälterbild, das wir aus dem Fernsehen kennen. Der goldkettchentragende Lude zum Beispiel auf der Reeperbahn in Hamburg, der vier oder fünf Partien laufen hat und abends die Geldbündel eintreibt.
Die Basis für das Funktionieren dieser Abhängigkeitsstruktur ist zum Einen, dass es eben schon immer so war und frau vermeintlich ohne Zuhälter eben nicht arbeiten kann, und zum anderen, dass der Schutzgedanke sehr stark ist. Die Frauen meinen, dass sie jemanden brauchen, der auf sie aufpasst. Auch wenn ich oft keine vernünftige Antwort von den Kolleginnen bekomme, wovor sie denn beschützt werden müssen.
Diese Spezies an Zuhältern stirbt jedoch langsam aus. Das Modell ist nicht mehr zeitgemäß.

Die zweite Variante von Zuhälterei ist viel komplizierter. Sie basiert auf Liebe und nennt sich Loveroy_Methode. Ich muss das vor diesem Publikum sicherlich nicht erklären. Es handelt sich um dysfunktionale Beziehungen, gegen die kaum ein Kraut gewachsen ist. Ich habe mehrere Loverboy_Betroffene kennen gelernt, und ich fragte sie wie lange es gedauert hat, bis sie gemerkt haben, dass der Typ sie gar nicht wirklich liebt, dass er sie verarscht und eigentlich nur ihr Geld haben will. Die Antworten waren sehr ähnlich - zwischen sechs und acht Jahren. Und dann habe ich immer gefragt, Was hätte dir in der Zwischenzeit geholfen?
Und die Antwort ist immer gleich gewesen: „Nichts, ich habe ihn geliebt!“

Und was würde wirklich helfen?

Beratungsstellen oder andere Vertrauenspersonen, die über die Jahre hinweg immer wieder nach der betroffenen Person schauen. Sie ist nicht wirklich erreichbar für Hilfsansätze, aber in dem Moment, wo sie merkt, dass sie sich von ihrem Loverboy trennen möchte, muss sie wissen, an wen sie sich wenden kann.

Sexarbeitende sind Menschen, die durchaus in der Lage sind, eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Wir sind nicht blöd - auch eine bulgarische, rumänische oder ungarische junge Frau weiß durchaus, was sie tut. Und wir dürfen auch Fehler machen, aber wir sind nicht alle Opfer.

Was uns helfen würde, wäre mehr Normalität.
Die ganze Rotlichtbranche findet am Rande der Gesellschaft statt. Wir sind da sehr unter uns. Und so eine ausgegrenzte Szene ist natürlich ein Nährboden für „illustre“ Persönlichkeiten. Mich eingeschlossen.
Eine Szene mit eigenen ungeschriebenen Gesetzen.
Was allerdings nicht stimmt ist, dass man nur über einen Zuhälter oder kriminelle Wege in die Sexarbeit reinkommt. Nein, sie alle hier im Saal, könnten sich heute Abend sofort ein Profil in den gängigen Internetportalen anlegen und loslegen. Ob das erfolgreich sein wird, das lassen wir mal dahingestellt.

Und dass man nie wieder rauskommt, ist auch überwiegend falsch. Es hören immer wieder einfach Leute mit der Sexarbeit auf. Das größte Problem dabei ist die Gesellschaft, die uns nicht lässt. Die Gesellschaft, die die Ex-Hure nicht in der normale Arbeitswelt haben will.

Ein anderes Thema sind die sogenannten Profiteure der Prostitution.

Ich beschränke mich mal auf eine Sache.
Da gibt es ja das Bild vom bösen Bordellbetreiber. Stimmt so nicht. Über 60 % der Prostitutionsstätten sind in weiblicher Hand. Muss nicht zwingend besser sein.
Aber es gibt auch ausgesprochen sympathische Bordellbetreiber und -betreiberinnen, die wirklich versuchen, einen guten Arbeitsplatz zu bieten. Davon brauchen wir mehr.
Wir wollen keine Abschaffung der Bordelle oder weitere Restriktionen, denn das sind unsere Arbeitsplätze. Hier sollten die Bedingungen verbessert werden.

Und was man immer wieder hört und liest zu den horrenden Kosten, stimmt auch nur teilweise. Um das transparent zu machen, können sie alle im Internet auf der Webseite kollegin.de nachschauen. Dort werden Termin-Wohnungen, Bordell-Zimmer und Arbeitsplätze in Sauna-Clubs, Laufhäusern usw. angeboten. Es stehen oft auch die Mietpreise oder Verdienstaussichten dabei.

Wo Verbote unsere Branche hier in Deutschland hinführen, haben wir ganz genau zur Coronazeit gesehen.

Sämtliche Prostitutionsstätten waren geschlossen, und die Prostitution selber war in fast allen Bundesländern verboten. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass außer mir fast alle Kolleg*innen weitergearbeitet haben, wenn auch nur im geringen Rahmen. Dies auch, weil sie keine Corona-Hilfsgelder bekommen haben.

Was ist passiert?

  • die Preise gingen in den Keller, was sich jetzt wieder etwas normalisiert hat.
  • Anfragen nach Sex ohne Kondom haben enorm zugenommen. Und das haben wir leider auch jetzt noch nicht wieder im Griff. Ein Thema auch für die Aidshilfen.
  • die Gewalt, oder ich nenne es lieber Übergriffe, hat zugenommen. Das ist glücklicherweise jetzt wieder zurück gegangen.

Genau dasselbe beobachten wir auch in Frankreich, wo das nordische Modell vor einigen Jahren eingeführt wurde. Die sogenannten Ausstiegsprojekte waren nur extrem begrenzt vorhanden oder haben nicht gepasst, denn es haben nur extrem wenige daran teilgenommen. Insgesamt hat die Zahl der Sexarbeitenden in Frankreich sogar zugenommen, und es wird stark geklagt über die schwierigen Arbeitsbedingungen.

Jedwede Gesetze, die für die Sexarbeitsbranche erlassen werden, sollten nie über die Köpfe der Betroffenen hinweg beschlossen werden. Sexarbeitende wissen am besten, was gut für sie ist.

Redet MIT statt ÜBER uns.

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