Abschaffung der Prostitution in Deutschland

In Bochum fing der Protest an

Johanna Weber -- 22.11.2012   Themen: Politik

Schwarz-Weiß-Zeichnung von Sexarbeiterin, die an der Wand lehnt - Woman at Work

„Bochum, du bist keine Schönheit, von Arbeit ganz grau.“ So sang Herbert Grönemeier und so empfing mich die Ruhrgebietsstadt am letzten Montag als ich zum Sexworker-Only-Day anreiste.

Ohne große Erwartungen aber mit riesengroßer Neugier auf die Kolleginnen und die ganzen Themen, die mich an den kommenden sieben Tagen und den beiden Sexarbeiter-Kongressen beschäftigen würden, ging ich in den ersten Teil meiner Veranstaltungs-Reihe.

Ich dachte nicht, dass ich am siebten Tag dieses Marathon-Inputs als Initiatorin einer deutschlandweiten Sexarbeiter-Innung vor dem Publikum stehen würde.

Aber ich hatte nun eine Woche lang von alles Seiten gehört, dass fast jede anwesende Kollegin gerne was machen würde... Ich befürchtete, es würde bei diesen Lippenbekenntnissen bleiben, wenn nicht eine den Ball ins Rollen bringt. Und dann stand ich vorne und stammelte etwas etwas von: „Wir können doch jetzt nicht einfach so nach Hause fahren und unsere Zimmerpflanzen gießen....“ Die Hilflosigkeit der sonst so eloquenten Redekünstlerin brachte mir anscheinend alle Sympathien ein, und plötzlich war ich umringt von Kolleginnen, die sich für ihren Berufsstand engagieren wollen. Ich war überwältigt.

Ich möchte meinen BLOG nicht missbrauchen als politische Plattform, denn hier sollen erotische Gedanken und Phantasien Platz finden. Mit diesem Beitrag soll aber auf ein grundlegendes Problem aufmerksam machen.

Die freie Ausübung meines Berufes steht auf der Kippe.

Worum geht es hier eigentlich?
Ich ahnte vor den beiden Kongressen zwar, dass es viele branchenspezifische Problem-Themen gibt, aber dass sie Situation so besorgniserregend ist, war mir nicht bewußt.

In allen Ländern um Deutschland herum wird entweder sehr ernsthaft über ein Verbot der Prostitution diskutiert oder es werden nach und nach immer stärkere Restriktionen eingeführt.

Deutschland macht schleichend mit. Ein Straßenstrich nach dem anderen wird geschlossen.

Vom der neuen Sperrgebiets-Verordnung in Hamburg St.Georg und des Kontaktverbots für Freier wußte ich ja schon. Das ist ja auch direkt bei mir vor der Haustür, und die dort arbeitenden Frauen tun mir wirklich Leid. Aber was soll man machen, dachte ich.

Wenn man dann die Berichte der Frauen und auch der Polizei hört über die Schließung des zuvor viel geloben Strichs in Dortmund oder die Umverlegung selbiger Arbeitsplätze in Essen auf einen absolut lebensunfreundlichen und sterilen Kunstplatz, dann steht einem zunächst nur der Mund offen vor Erstaunen.

Mein Mund sollte in den nächsten Tagen nicht wieder zu gehen. Geladen als Redner waren Juristen, Sozialarbeiter, Polizisten, Journalisten, Sozialarbeiter und Gewerkschafterinnen aus den Nachbarländern... und immer dunkler wurde die Situation unseres Gewerbes beschrieben.

Was andererorts abgeht war mir nicht klar.

Die Zustände in den Nachbarländern lassen Schlimmes erahnen, denn auch in Deutschen Zeitungen läßt sich viel leichter ein Artikel mit horrenden Zahlen über Zwangsprostitution anbringen als wenn seriöse Organisationen darauf hinweisen, dass die Zahlen komplett falsch sind. Wer will schon von zufriedenen, selbstbestimmten Huren lesen, die auch noch brav ihre Steuern zahlen?

Wenn man dann erfährt, dass unter 21jährige sich zwar legal prostituieren dürfen, eine Unterstützung z.B. bei der Vermittlung aber als Menschenhandel gewertet wird, dann fragt man sich schon, wo da die Logik ist.

Das drängenste Problem im Moment erscheint mir jedoch die drohende Konzessionnierungspflicht für Bordellbetriebe. Das klingt erst Mal ganz vernünftig, aber ein Blick nach Wien zeigt wo das hin führen kann. Die Auflagen sind so unerfüllbar, dass von fast 500 ehemaligen Bordellen und Studios nicht Mal 40 eine Konzession bekommen haben.

Die Beratungsstellen empfehlen jetzt schon den verzweifelten Sexworkerinnen, dass sie illegal arbeiten sollen, denn es gäbe nicht ausreichend legale Arbeitsplätze.

Interessant war auch, wie viel ich gar nicht wußte. So darf es in D. nur in seltenen Fällen Prostitution geben in Städten unter 50.000 EW. Auch werden in München die Betreiber von Domina-Studios oder Bordellen extrem schnell straffällig, weil ihre Damen angeblich scheinselbstständig sind. Dazu reicht es schon aus wenn Werbung für die Damen auf der Studio-Webseite gemacht wird oder Kondome für ihre Arbeit bereitgestellt werden.

OK, das sind jetzt immer die Speerspitzen bei den jeweiligen Themen, und man müßte jedes für sich detaillierter betrachten. Aber fest steht, dass es in Deutschland keine Sexarbeiter-Zunft oder Organisation gibt. Wir haben keine Stimme, sondern werden von sehr engagierten und fachkundigen Sozialarbeiterinnen oder sonstigen Sympathisanten vertreten. Das hat sicher vielfältige Ursachen, muss sich aber vor dem Hintergrund, dass unsere ganze Branche demnächst dem politischen Konservativismus zum Opfer fallen könnte, ändern.

Kolleginnen, die bis hierher gelesen haben und sich an der Gründung einer Lobby für unseren Berufsstand beteiligen wollen, dürfen sich gerne bei mir melden.


Infos:

bufas - Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter -> http://www.bufas.net/

Hydra - Treffpunkt und Beratungsstelle für Sexarbeitende in Berlin -> https://www.hydra-berlin.de/

Dona Carmen - Verein für soziale und politische Rechte von Prostituierten -> https://www.donacarmen.de/

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