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at the menue bar.
Während Corona lernten wir uns kennen. Trotz Mundschutz und Abstandsregeln waren wir uns doch sofort sympathisch. Der emsige Reporter, Sven Bargel, und ich als politische Sprecherin des Berufsverbandes für Sexarbeitende (BesD).
Unsere Wege kreuzen sich seitdem immer wieder, und so kam es auch zu der aktuellen Anfrage für das Forum-Wochenmagazin 1)
Mein Text wurde etwas länger, und er kann nicht komplett abgedruckt werden, aber ich möchte ihn hier zum Lesen zur Verfügung stellen. Denn es wird mal wieder Zeit für Politik in meinem Blog.
Interview: Sven Bargel
Frau Weber, macht es beim Sexkaufverbots-Gesetz eigentlich einen Unterschied ob ich als Cam-Girl, Escort-Lady oder klassische Sexarbeiterin auf der Straße, im Club tätig bin?
Es geht beim sogenannten Sexkaufverbot um Regelungen betreffend Prostitution. Ich und auch mein Berufsverband, wir sprechen ja von Sexarbeit. Prostitution ist aber der juristisch richtige Begriff, der auch in den Gesetzen verwendet wird.
Bei den besagten Regelungen werden Belange rund um körperliche Kontakte bei der Sexarbeit festgelegt. Also, Cam-Sessions gehören nicht dazu.
Die aktuell immer mehr in die Schieflage kommende Diskussion, geht um ein imaginäres Opferbild von Sexarbeitenden in Bordellen und sonstigen Prostitutionsorten. Natürlich gibt es Probleme in Form von Ausbeutung und Abhängigkeiten, aber es ist ein Zerrbild, wenn dies auf die ganze Branche übertragen wird. Und es hilft auch niemandem.
Das heißt, gerade die Sexarbeitenden in Bordellen, Saunen oder in ihren gemieteten Apartments wären betroffen?
Ja und Nein.
Das von der CDU/CSU favorisierte Sexkaufverbot beinhaltet nicht nur die „Freierbestrafung“, also, dass sich unsere Kundschaft strafbar macht, sondern auch ein Verbot aller Prostitutionsstätten. Laut der Unions-Meinung soll niemand von der Sexarbeit profitieren außer der Sexarbeiter/in selber. Klingt ja toll, aber dass Bordelle auch gute Arbeitsräume sein können, wo wir uns sicher fühlen und viele dort Kolleg/innen wesentlich mehr Umsatz machen als wenn sie sich alleine bei Hausbesuchen organisieren, ist gerade für die Damen aus der CDU nicht nachvollziehbar. Wir brauchen gute Bordelle mit guten Betreibenden. Dass diese davon leben müssen und sofern „Profiteure“ sind, ist im Kapitalismus so üblich. Es bedarf dazu Regelungen für faire Mietpreise und sonstige gute Arbeitsbedingungen. Hier sollten wir ansetzen. Verbote sind der falsche Weg.
Ich frage mich dabei, ob wir dann in Zukunft auch keine Steuern mehr zahlen müssen, denn dann wäre ja der Staat Profiteur der Prostitution.
Ich wünsche mir aber was ganz anderes.
Ich wünsche mir mehr Normalität für die ganze Sexarbeitsbranche.
Und dazu gehört natürlich auch Steuern zu zahlen.
Unser Beruf ist nach wie vor hochstigmatiert. Und das ist in den letzten Jahren nicht besser, sondern schlimmer geworden.
Ich dachte, das Sexkaufverbot nach nordischem Vorbild hat sich erledigt, weil ich davon in den letzten Monaten gar nichts mehr gehört habe?
Ganz offiziell steht im Koalitionsvertrag eine Reform des Prostituiertenschutzgesetzes. Dazu soll eine Expertenkommission auf Basis der Evaluation Vorschläge ausarbeiten.
Leider ist die CDU/CSU an wissenschaftlichen Ergebnissen nicht so interessiert, denn sie hat ihre eigenen gefühlten Wahrheiten.
Sie bringen sehr konservative Strömungen rein, die mir Sorge machen.
Was genau, macht ihnen solche Sorgen?
Die Evaluation, also die wissenschaftliche Überprüfung des Prostituierten-Schutz-Gesetzes ist fertig, das hat Millionen gekostet. Die Ergebnisse sind sehr fundiert und aussagekräftig geworden. Es sind natürlich auch Sachen drin, die mir nicht so gut gefallen, aber das muss ich akzeptieren, weil die Evaluation insgesamt hoch seriös gemacht ist. Und ich würde mich freuen, wenn die Menschen in der Politik sich auch so professionell verhielten, und solide Wissenschaft anerkennen. Stattdessen lassen sie oft die eigene Meinung dominieren oder schließen sich einer Mehrheitsbubble an, denn das gibt am wenigsten Widerstand. Sinnvolle Lösungen gerade für Sexarbeitende können so nicht gefunden werden.
Nordisches Modell oder Sexkaufverbot, das auch Frankreich übernommen hat, heißt, derjenige, der sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nimmt, also dafür bezahlt, macht sich strafbar?
Genau das heißt es dann, ein Roll-Back in die 50er- und 60er-Jahre der in der Geschichte der Bundesrepublik. Früher waren wir Huren die Kriminellen, zukünftig sollen es unsere Kunden sein!
Nicht nur für unsere Kundschaft ist das eine Katastrophe.
Welche Kundschaft bleibt uns denn dann noch?
Zunächst die, die es mit Recht und Ordnung nicht so genau nehmen. Das sind die, die wir Sexarbeitende ansonsten gerne aussortieren. Wenn sich aber die Nachfrage verknappt, dann müssen wir auch Kundschaft annehmen, die wir ansonsten ablehnen würden.
Corona hat sehr deutlich gezeigt, wie sich Verbote auf die Sexarbeit auswirken. Die Preise gingen in den Keller, die Nachfrage nach Sex ohne Kondom stieg stark an und die Übergriffe nahmen zu.
Womit sollen die Sexarbeitenden zukünftig ihr Geld verdienen, also ein Ausstiegsprogramm, bis ein neuer Job gefunden wurde?
Die vielbeschworenen „Ausstiegsprogramme“, die es für jede sexarbeitende Person geben soll, damit wir uns endlich aus den Klauen des vermeintlichen Prostitutionssumpfes befreien können, sind reine Lippenbekenntnisse. Die CDU hat weder ein Konzept noch das Geld dafür. Auf meine Nachfrage wurde mir gesagt: „Ach, Frau Weber, wir machen erst mal das Sexkaufverbot. Der Rest wird sich dann schon finden...“
Wenn es wirklich darum ginge, Betroffenen zu helfen, dann sollte es unbedingt flächendeckende Umstiegsprojekte geben. Dafür bräuchte es kein Sexkaufverbot.
Aber es geht ja gar nicht wirklich darum, Prostituierten zu helfen, sondern um die Abschaffung der Prostitution.
Wir Sexarbeitenden sind dabei eigentlich egal und müssen auch noch als Vorwand herhalten, dass die neuen Gesetze zu unserer Rettung beitragen.
Diesen Umstand entnehme ich, wenn für die Zukunft der Sexarbeitenden keine Vorbereitungen getroffen sind, dann wird dies wohl auch für die Betriebe nicht geschehen sein?
Doch. Wir leben ja glücklicherweise in einem Rechtsstaat. Es war vorgesehen, dass das aktuelle Prostituierten-Schutz-Gesetz sehr umfassend evaluiert wird. Das ist bereits geschehen 2). Mit den Ergebnissen arbeitet aktuell eine Expertenkommission, die zum Ende dieses Jahres Vorschläge für die Überarbeitung des Gesetzes vorlegt.
Aber die Bordelle in Deutschland zahlen ja nicht gerade wenig Gewerbesteuer, die würden dann ja wegfallen, das ist doch Kontraproduktiv für den Fiskus?
Auf jeden Fall. Und das sind keine unbedeutenden Summen, die von unserer Branche abgeführt werden.
Und bei einem Verbot würden alle gemeldeten rund 2.300 Prostitutionsstätten 3) Abfindungen bekommen. Das wäre dann so wie damals mit den Zahlungen an die Atomkraftwerke, die ja eingestellt wurden.
Und auch wir Sexarbeitenden zahlen nicht wenig Steuern. Alle laut dem Prostituierten-Schutz-Gesetz registrierten werden automatisch an das Finanzamt weitergemeldet. Wir arbeiten nicht alle schwarz und illegal, auch wenn das ein gängiges Bild in den Köpfen ist.
Sollte es zu einem Bordellverbot kommen, nichts Anderes ist das Sexkaufverbot, befürchten Sie eine Kriminalisierung der Sexarbeit?
Mit dem Wort "Kriminalisierung" und "Entkriminalisierung" wird aktuell von den Prostitutionsgegnerinnen viel Wind gemacht. Deshalb bin ich schon ein wenig allergisch bei diesen Worten. Es wird gesprochen davon, dass wir Sexarbeitende komplett entkriminalisiert werden und die Kundschaft und alle Profiteure kriminalisiert werden.
Das hieße ja, dass wir Sexarbeitende unsere Dienste anbieten können wie und wo und wann wir wollen. Allerdings nicht in Prostitutionsstätten, denn die sind ja verboten, und auch gibt es keine Werbeportale mehr. Ein Blick in die Glaskugel sagt mir, dass gerade bei Kolleginnen mit unzureichenden Deutsch- oder Englischkenntnissen dazu Unterstützung benötigt wird. Auch werden wahrscheinlich viele versteckte Bordellwohnungen aufkommen, die ja dann alle illegal sind.
Quellenangaben
1) Forummagazin und die Artikel in der Coronazeit und später
28.05.20 -> https://www.magazin-forum.de/de/node/18915
02.10.25 -> https://www.magazin-forum.de/de/nachrichten-aus-politik-und-wirtschaft-2102025
2) Evaluation den ProstSchG
https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/service/publikationen/evaluation-des-gesetzes-zur-regulierung-des-prostitutionsgewerbes-sowie-zum-schutz-von-in-der-prostitution-taetigen-personen-prostituiertenschutzgesetz-prostschg--266228
3) Zahlen zu Prostitutionsstätten
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Prostituiertenschutz/_inhalt.html